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Tom Schimmeck: „Das Internet füttert uns alle nicht…“

Im letzten Frühjahr, als Tom Schimmecks Buch über den Untergang des Journalismus („Am besten nichts Neues. Medien, Macht und Meinungsmache“ – Westend Verlag) auf den Markt kam, da hatte der Autor eine eigene Homepage unter dem Namen klugschiss.org am Start. Heute wird er in der Regel dezenter mit www.schimmeck.de verlinkt. Noch immer führen beide Adressen zum Ziel:

Wer seine Site aufruft, kann stundenlang in den Reden und Werken des Autors schmökern, die er für Kongresse und viele namhafte Zeitungen und Magazine in Deutschland und Österreich verfasst hat. Ob „Spiegel“, „Stern“, „taz“,  „SZ Magazin“, Zeitmagazin“, „Tempo“ und „profil“, auch „Merian“, „Geo“, „Sports“ – und schließlich die Hamburger „Woche“ – für alle hat Schimmeck geschrieben.

Nur im Fernsehen war er nie – verkündet zumindest  der Autor selbst auf seiner Homepage. Dafür im Radio, dem gilt seit einigen Jahren seine besondere Liebe. Nicht zuletzt aus ganz pragmatischen Gründen – wegen der besseren Bezahlung. Schimmecks Erfahrung: „Die Zeitungen zahlen so grottenschlecht, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk durchaus eine Rettungsinsel ist.“

Man ahnt es schon, der mit vielen Preisen dekorierte Autor arbeitet nicht fürs Privatradio, sondern beschäftigt sich mit der höchsten Kunstform im Hörfunk, dem Radio-Feature, für die Kulturredaktionen des Deutschlandfunks und anderer  öffentlich-rechtlicher Anstalten.

Sein Buch „Am besten nichts Neues“ beschreibt den Untergang des unabhängigen Journalismus: Manager mit Buchhaltermentalität sparen die Verlage zu Tode. Der ehemalige Bonner Politredakteur, Mitglied bei den Freischreibern und im Netzwerk Recherche,  sieht die Kollegen von einst „degradiert zu Vehikeln  der von Spin Initiativen, Agendasettern, PR-Profis und Beraterfirmen fertig designten und abgepackten Botschaften“.  Die organisierte Meinungsmache, die Fabrikation von Meinung gegen Bezahlung – Schimmeck sieht darin eine Wachstumsbranche, die gedeiht  und der Demokratie schadet. Wunderbar nachzulesen in seiner Festrede zur Verleihung des Otto-Brenner-Preises 2009.

Und immer noch gelte das alte Tauschgeschäft: „Bist du nett zu mir, dann kommst du in den Zirkel der Informationsträger.“ Die Bundespressekonferenz? Für Schimmeck eine Massenmedien-Meinungsmaschine. Ein Kollektiv von Beobachtern, die nur Gleichklang produzieren. Reflektionsfreier Echtzeitjournalismus unter Konkurrenzdruck. Eine Legebatterie für Nachrichten. Ohne Qualitätskontrolle und mit vielen faulen Eiern, die eben mal so durchflutschten. Ein surrealer Zirkus sei das politische Berlin, den man gar nicht oft genug beschreiben könne. Daher stört es Schimmeck kaum, wenn Kritiker ihm vorwerfen, sein Buch bringe wenig neue Erkenntnisse über bereits hundertmal durchgekaute Missstände.

Aber keiner beschreibt das so plastisch und ohne Blatt vor dem Mund wie Schimmeck: „Die Friedrichstraße ist die Schleimscheißermeile von Mitte, die Magistrale der ‚Messagemacher‘, dieser Kamarilla der Lobbyisten, Werber, Marketingprofis, Public-Relations-Strategen, Kommunikationschefs und Eventmanager“ – Auszug aus einem Text, der 2005 unter dem Titel „Arschlochalarm“ für das taz magazin erschien. Sein Fazit: Die Medien werden zu Handlangern derer, die sie kontrollieren sollten.

Aber Schimmeck klagt nicht nur. Zeigt Lösungsansätze. Beispielsweise beim Kongress „Öffentlichkeit und Demokratie“ letzten Oktober in Berlin: „ein anderes, freieres, zornigeres, couragierteres journalistisches Selbstverständnis“ könne helfen. Oder Stiftungen und Vereine, die unabhängigen Journalismus fördern. Und schließlich meint Schimmeck, der über sich selbst scherzt, er sei derzeit hobbymäßig als Handlungsreisender in Sachen Moral unterwegs: „Wir müssen mehr große Internet-Experimente wagen. Magazine, Foren und Portale aufbauen, die echte Öffentlichkeit schaffen. Und Wege finden, damit sie Erfolg haben und sich tragen.“

Bis es soweit ist, dürfe man aber auch den  Kampf um die Qualität in den klassischen Medien Print, Fernsehen und Hörfunk nicht vernachlässigen. Denn „das Internet“, so Schimmeck mit Blick auf seine Berufskollegen, „füttert uns alle nicht.“

4 Kommentare zu “Tom Schimmeck: „Das Internet füttert uns alle nicht…“

  1. Das Gefaellt mir Button Plugin waere eine tolle Erweiterung. Oder habe ich es uebersehen?

  2. Danke für den Kommentar. Nein, nichts übersehen. Ehrlich gesagt, gefällt mir die Ausbreitung von FB auf alles und jeden einfach nicht. Zumal FB jetzt – nachdem wir uns alle an diese „Like it“-Button gewöhnt haben – an die Kommerzialisierung geht: http://orf.at/stories/2038463/2038454

  3. Gut gemacht, diese Seite – Kompliment, Frau Kollegin!
    Herzlichst
    hge

  4. Das Lob, ehrt. Herzlichen Dank, Herr Kollege 🙂

Kommentare sind geschlossen.

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