Geniale Idee: Ein "Handbuch Soziale Netzwerke für Nachrichtenjournalisten"

07. Dezember 2011 – UPDATE: Das Buch “Soziale Netzwerke für Nachrichtenjournalisten” der dapd-Nachrichtenagentur ist jetzt im Verlag tredition erschienen und kann für 24.90 Euro von jedermann erworben werden. Leseproben finden sich hier Gleichzeitig startet die dapd einen monatlichen Newsletter, in dem sie über neue Entwicklungen, Arbeitsweisen und Hilfsmittel berichtet. Einfach einen Hinweis an handbuch@dapd.de senden, und der monatliche Newsletter landet im elektronischen Postfach.

Das Motto der diesjährigen Medientage München lautet “Mobile-Local-Social: Dreiklang der vernetzten Gesellschaft”. Kaum ein Panel, das sich nicht mit der Frage beschäftigt, wie die traditionellen Medien mit den neuen digitalen Möglichkeiten umgehen sollen. Die Frage, ob man überhaupt mitmischen muss, ist längst ad acta gelegt: Jetzt geht es um das “wie?”. Wie können Soziale Netze und Kurznachrichtendienste Journalisten konkret dabei helfen, zeitsparend Trends zu erfassen und Hintergrundinformationen zu recherchieren? Die Nachrichtenagentur dapd unter ihrem Geschäftsführer Cord Dreyer, der seine journalistische Laufbahn als Hörfunkjournalist in Hamburg startete, hatte jetzt eine zündende Idee: Ein Handbuch “Soziale Netzwerke für Nachrichten-Journalisten”. Auf den Medientagen München vom 19. bis 21. Oktober soll das Buch erstmals vorgestellt werden. Entwickelt hat es der Medien- und Wirtschaftsjournalist Daniel Bouhs, der seit April 2011 im Investigativ-Ressort “sources” als Recherchejournalist bei der dapd Nachrichtenagentur tätig ist. Zuvor arbeitete Bouhs als freier Journalist unter anderem für “Spiegel Online”, die “Berliner Zeitung”, die “Frankfurter Rundschau” und die “taz” sowie für die Fachdienste “epd medien”, “MEEDIA” und “mediummagazin”. Sein Handbuch soll die Inhalte der Schulung zusammenfassen und vertiefen, die die Nachrichtenagentur kostenlos ihren Kunden anbietet.

Was motiviert eigentlich eine Nachrichtenagentur, ihren Kunden eine solche Hilfestellung zur Selbstrecherche an die Hand zu geben? Ich habe bei der Pressereferentin Susanne Schneider nachgefragt.

Susanne Schneider: Wir verstehen uns als Service-Dienstleister. Das umfasst eben nicht mehr die pure Lieferung von Meldungen und Bildern. So, wie wir unsere Planung offenlegen und unsere Kunden fragen, welche Berichterstattung sie von uns wirklich brauchen, versuchen wir, den Medienwandel gemeinsam zu bestehen. Dazu gehört für uns, mit unseren Kunden zu diskutieren, wohin die journalistische Reise geht – soziale Netzwerke inklusive. Letztlich stützen auch wir als Nachrichtenagentur uns bei der Berichterstattung verstärkt auf Einträge von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Protagonisten in sozialen Netzwerken. Wir finden, es wäre gut, wenn unsere Kunden wissen, wie diese Meldungen zustande kommen. Wenn sie dabei etwas mitnehmen, um selbst Geschichten aus dem Netz zu ziehen und mit ihren Lesern über digitale Kanäle auf einer Augenhöhe zu kommunizieren: umso besser.

Was erwartet den Nachrichtenjournalisten jetzt genau mit Ihrem Handbuch?

Susanne Schneider: Das dapd-Handbuch “Soziale Netzwerke für Nachrichten-Journalisten” bietet zunächst eine Einordnung. Das Kapitel “Warum soziale Netzwerke für Journalisten wichtig sind” beschreibt den Medienwandel, bei dem sich letztlich immer mehr exklusive Informationen zunächst in sozialen Netzwerken finden. Immerhin können Politiker, Unternehmen und Prominente inzwischen ihre Anhänger und Fans selbst adressieren. Sie sind nicht mehr durchgängig darauf angewiesen, auf etablierte Medien zuzugehen, wenn sie etwas kundtun möchten.
Erinnern Sie sich, wie der Fußball-Profi und Torhüter Manuel Neuer in seinem Profil bei Facebook erklärte, Schalke 04 zu verlassen? Das Ende der Erfolgsserie “Desperate Housewifes” gab eine der Hauptdarstellerinnen, Vanessa Williams, via Twitter bekannt. Und wer die jüngste politische Kraft in der deutschen Politik, die Piratenpartei, ernst nehmen möchte, der wird nicht umhin kommen, in erster Linie die sozialen Netzwerke und Blogs dieser Protagonisten zu beobachten.
Nicht zuletzt sorgt die Verbreitung internetfähiger Foto-Handys (Smartphones) dafür, dass sich insbesondere auf der frei zugänglichen Plattform Twitter nach Katastrophen und Kuriosem rasch binnen weniger Minuten Fotos und Videos von Augenzeugen finden. Das war nach dem Anschlag und Massaker in Oslo der Fall, nach der Notlandung eines Linienflugzeugs vor Manhattan und hierzulande auch bei den Protesten gegen “Stuttgart 21″ oder der Katastrophe auf der “Loveparade 2010″ in Duisburg.
Wie wichtig soziale Netzwerke heute sind, zeigen wir zudem an konkreten Beispielen: Ein eigenes Kapitel “Nachrichtenredaktionen im Wandel” beschreibt Besuche bei ARD-aktuell (“Tagesschau”), dem ZDF, der BBC und der “Rhein-Zeitung”. Alles Redaktionen, die bereits intensiv das Netz für sich nutzen.

Sie bieten Ihren Kunden ja auch kostenlose Schulungen zum Thema an. Wie ist da das Interesse?

Susanne Schneider: Um es genau zu sagen: Nach Bekanntgabe unseres Angebots hat es keine 24 Stunden gedauert, bis erste Kunden nach Schulungsterminen fragten. Inzwischen waren wir mit unseren knapp dreistündigen Schulungen bei den “Stuttgarter Nachrichten” und der “Frankfurter Rundschau” – in beiden Fällen jeweils mit einem Großteil der Redaktion, von Praktikanten und Volontären bis hin zu Ressortleitern und Chefredakteuren. Gut eine Handvoll weiterer Termine quer durch die Republik stehen zudem noch im Herbst und Winter an.
In Schulung und Handbuch behandeln wir die Fragen, die sich Journalisten für den richtigen Umgang mit dem Web 2.0 stellen: Wie schützen wir uns vor Fakes und Fälschungen? Wie bauen wir im Netz Kontakte auf? Wie können wir das Netz bewältigen? Und wie können wir Twitter, Facebook und Google+ in unsere redaktionellen Workflows integrieren? Es geht letztlich also um Themen wie die journalistische Plausibilitätsprüfung, die Verifikation von Web-2.0-Profilen und Inhalten und nicht zuletzt um technische Helfer wie beispielsweise das Programm “Tweetdeck”.

Im Bereich Soziale Netzwerke ändert sich nahezu täglich etwas. Facebook und Twitter überarbeiten ständig ihr Angebot, bieten neue Resarch-Werkzeuge an… mit anderen Worten: Sobald ein Wegweiser gedruckt ist, könnte er schon wieder veraltet sein. Trifft das nicht auch auf Ihr Handbuch zu?

Susanne Schneider: Sie haben recht: Das Netz bewegt sich. Deshalb setzen wir nicht auf einen starren Ratgeber, den wir ein Mal schreiben und der dann bitte Jahrelang die Runde machen soll. Wir werden zwar einige Ausgaben drucken, die sind aber unterm Strich ein aktuelles Dossier mit einer Momentaufnahme aus dem Web 2.0. Unser Handbuch “Soziale Netzwerke für Nachrichten-Journalisten” ist deshalb vielmehr ein ständiges Projekt. Wir haben übrigens bereits im Juli 2011 eine erste Version des Handbuchs aufgelegt, diese Ausgabe allerdings vor allem intern an unsere Korrespondenten verteilt, die wir zuerst geschult haben. Jetzt haben wir also bereits nach drei Monaten unser Handbuch aktualisiert – und deutlich erweitert. Und weil sich im Netz so vieles so schnell verändert, werden wir mit Erscheinen der neuen Auflage auch einen monatlichen Newsletter starten, der ad-hoc über neue Entwicklungen, Fallbeispiele und technische Hilfsmittel informiert. Wir arbeiten zudem an einer digitalen Ausgabe des Handbuchs, die rasch aktualisiert werden kann.

Verteilen Sie Ihr Handbuch jetzt auf den Medientagen?

Susanne Schneider: Wir stellen die Publikation auf den Medientagen lediglich vor. Wer möchte, der kann sich an unserem Stand zudem auf einem iPad gerne einlesen. Die konkrete Veröffentlichung steht allerdings noch aus. Wir sind hinter den Kulissen noch mit dem Feinschliff beschäftigt. Wer möchte, der kann uns auf dem dapd-Stand aber natürlich gerne seine Kontaktdaten hinterlegen. Er wird dann einer der ersten sein, die erfahren, wann es los geht.

Zusatz-Tipps:

Twitter für Einsteiger
Eine wunderbare Anleitung für Anfänger mit Tipps und Tricks für den Microblogging-Dienst Twitter hat der Berliner Journalist Christoph Dernbach in sein privates Blog “Mr. Gadget” gestellt. Dernbach leitet die Redaktion “Netzwelt” bei der dpa.

Twitter im Einsatz
Mallary Jean Tenore arbeitet als Redakteurin für die Homepage der bekannten amerikanischen Journalistenschule “Poynter”. Sie betreut dort die Seite “How to”. Ihre Tipps gibt es nur in Englisch. In: “10 ways journalists can use Twitter before, during and after reporting a story” beschreibt sie, wie Journalisten Twitter optimal im Vorfeld und Verlauf einer Reportage einsetzen können.

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