Wer braucht DAB+? Verleger Dirk Ippen setzt auf Radio im Netz

Erst Yourzz.fm in Nordrhein-Westfalen, jetzt Radio HNA aus Kassel: Dirk Ippen, Verleger aus München, verlässt sich nicht auf seine zahlreichen Lokalradios mit UKW-Lizenz, jetzt wird auch im Internet durchgestartet. Der Sinn des ganzen: Synergieeffekte nutzen und crossmedial Werbung verkaufen. Ein Formular zum Anmelden beim Musikrechteverwerter GEMA genügt. Mehr braucht ein Internetradio zum Senden nicht – keine weiteren Lizenzen, keine inhaltlichen Vorgaben. Genau 1441 angemeldete Webradios zählte die GEMA Anfang Januar 2012. Eines davon ist seit Jahresbeginn Radio HNA aus Kassel.

Wenige Tage nach Sendestart habe ich Moderator Daniel Ebert ein paar Fragen zum neuen Sender gestellt und gleich ein wenig experimentiert: Das Video wurde via Skype geführt und mit dem Call Recorder für MAC aufgezeichnet. Der gesplittete Bildschirm ist ein lustiger Effekt, vor allem kommt der Balken in meinem Arbeitszimmer gut ins Bild…Skype war manchmal im Ton nicht so zuverlässig, aber das übertragene Bild einwandfrei:

Daniel Ebert ist nach ein paar Tagen auf Sendung zwar “knurrig” – was man im Interview nicht merkt -, aber glücklich. Im Sender herrscht Pionier- und Aufbruchstimmung und erinnert mich an die ersten Tage von Charivari München, 95.5. Auch wir haben als Redakteure und Moderatoren damals selbst die Dämmplatten an die Studiowände geklebt und in ganz bescheidenen Verhältnissen das Senden angefangen. Letztes Jahr wurde Charivari München 25 Jahre alt.

Eine echte Kooperation zwischen Zeitung und Radio – was hätten wir uns das damals gewünscht. Auch heute noch scheinen die Lokalradios nur punktuell mit den Zeitungsredakteuren zusammen zu arbeiten. Was für ein verschenktes Potential!

Gespielt wird bei Radio HNA übrigens, “was gefällt”. So hat jeder Mitarbeiter erst mal seine eigene Playlist gemacht. Die Spitzen und Superschnulzen wurden aussortiert. Der Sender will eingetretene Radiopfade verlassen, hat aber Sendungsnamen wie “anno dazumal”. Da gibt es die “Stereo-Kantine” und das “Café Lokal”. Und natürlich den unvermeidbaren und zweideutigen Slogan: “Radio HNA – Wir hören Dich.”

Mein erster Eindruck: musikalisch interessant, doch wo bleiben die Infos? Vom Input der 150 Redakteure aus 16 Lokalredaktionen ist in den stündlichen Nachrichten noch erstaunlich wenig zu hören. Facebook wird vom Sender schon genutzt, ein Twitteraccount steht noch aus. Sendeuhren, Nachrichtenpräsentation – das klingt alles noch sehr klassisch. Hoffentlich traut sich Radio HNA bald, auch mal neue Konzepte auszuprobieren. Ich drücke der hoffnungsvollen Startmannschaft die Daumen!

Wenn auch mit einem ganz unterschiedlichen Konzept: Radio HNA ist übrigens nicht das erste Internetradio aus dem Zeitungskonzern des Verlegers Dirk Ippen. Bereits 2009 startete der Westfälische Anzeiger ein jugendliches Webradio im Vollprogramm und bündelte mit dem Jugendportal yourzz.fm medienübergreifend all seine redaktionellen Kräfte. Angeschoben hatte das Projekt einst Andreas Heine, Chefredakteur von Radio MK aus dem märkischen Kreis. Mittlerweile hat Heine dem Radio den Rücken gekehrt. So ganz zufrieden scheint man in NRW noch nicht mit dem Erfolg von Yourrz.fm zu sein. Martin Krigar, verantwortlicher Chefredakteur des Westfälischen Anzeigers, erklärt sich das damit, dass Radio immer noch hauptsächlich via UKW gehört wird. Neue Erhebungen würden jedoch zeigen: Das Internet als Ausspielungskanal gewinnt kontinuierlich an Bedeutung.

Den offiziellen und ausführlichen Bericht zu Radio HNA habe ich auf hoerfunker.de gestellt. Demnächst erscheint er auch gedruckt in der “drehscheibe”, dem Magazin für Lokalredaktionen.

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