6. Teil unseres Reisetagebuchs „East-West-Central“: Die besonders schönen Seiten der „Smaragdstadt“von Horst

Um ehrlich zu sein, hatten Inge und ich uns etwas gewundert, als Ulrike Langer uns vor etwa zwei Jahren mitteilte, dass sie mit ihrer Familie von Köln nach Seattle umziehen wolle. ‚Warum nicht New York, Boston oder San Francisco?’ hatten wir uns seinerzeit gefragt. Eine überzeugende Antwort haben wir an diesem Montag bei einer Tour mit Ulrike durch „The Emerald City“ („Smaragdstadt“ wegen der vielen Grünflächen) erhalten: Seattle ist jetzt auch für uns die schönste aller bislang besuchten Metropolen in den Vereinigten Staaten.

Für diese Einschätzung gibt es durchaus gute Gründe: Seattle ist längst nicht so hektisch wie beispielsweise New York; dazu wirken die Menschen viel gelassener und freundlicher. Genau wie in San Francisco spielt die Lage am Meer für das Besuchsprogramm eine große Rolle. Nur – in Seattle hatten wir nicht den Eindruck, andauernd Touristenfallen ausweichen zu müssen.

Klar, auch hier gibt es typische Anziehungspunkte für Besucher wie zum Beispiel „Space Needle“. Von dem zur Weltausstellung von 1962 errichteten Turm soll man einen weiten Blick über die Stadt sowie die umliegende Wasser- und Inselwelt haben. Ulrike hat uns an dieser „Touristenfalle“ vorbeigelotst und ist mit uns zum Kerry Park gefahren. Von diesem Aussichtspunkt konnten wir ganz in Ruhe die Stadt betrachten, fotografieren und filmen.

Wer Seattle besucht, kann unmöglich den Pike Place Market auslassen, der vor allem für seine „fliegenden Fische“ berühmt ist. Wenn an einem der ausladenden Stände ein ganzer Fisch verkauft wird, wirft der Händler diesen zu seinem Kollegen an der Waage. Damit’s die Touristen auch mitbekommen, gibt’s dazu den entsprechenden Lärm. Julia ist stolz darauf, einen Lachs „in vollem Flug“ mit ihrer Kamera erwischt zu haben.

Ebenfalls am Pike Place haben wir kurz in die erste „Starbucks“-Filiale geschaut, die hier 1971 eröffnet wurde. Wegen des großen Andrangs an dieser vermeintlichen „Urstätte der modernen Kaffeehauskultur“, verlegten wir das zweite Frühstück jedoch in eine andere Filiale der Kette einige Häuserblocks weiter, die sogar noch schöner, weil uriger eingerichtet ist.

Ulrike hat uns an diesem Montag noch weitere besonders schöne Seiten von Seattle gezeigt: Zum Beispiel den Gas Works Park am Lake Union. Auf dem Gelände eines ehemaligen Gaswerks wurden Teile der stillgelegten Anlagen in die Gestaltung eines Freizeitareals mit einbezogen. Von einem aus Abbruchteilen und Bauschutt errichteten künstlichen Hügel hatten wir einen weiteren schönen Blick auf Seattle und Umgebung.

Nach dem Lunch in einem kleinen mexikanischen Restaurant am Portage Bay, einem Ausläufer von Lake Union, sind wir am Nachmittag entlang des Lake Washington bis an das südliche Ende von Seattle gefahren. Bei schönem Wetter waren die Ufer des größten Süßwassersees der Stadt mit Badenden recht bevölkert. Ulrike erzählte uns, dass der Pazifik hier im Nordwesten der USA selbst im Hochsommer zum Baden einfach zu kalt sei.

Am frühen Abend waren wir dann noch an den Ballard Locks. Die Anlage zur Schiffsschleusung am Lake Washington Ship Canal bietet mit ihrer so genannten Fischtreppe noch eine Besonderheit: Hier kann man Lachse bei ihrer Wanderung stromaufwärts beobachten. Leider jedoch nicht an diesem Montag – eine Robbe hatte sich in das Areal verirrt und die Lachse von ihren waghalsigen Sprüngen abgehalten.

Als wir uns später im „Hi-Life“, einem typisch amerikanischen Restaurant in einer ehemaligen Feuerwache im Stadtteil Ballard, mit Ulrikes Familie trafen, berichteten wir begeistert über unseren wundervollen Tag in Seattle. Ulrikes Mann Achim hörte sich unsere Schwärmereien amüsiert an, beugte sich dann zu mir herüber und flüsterte „dabei habt ihr heute höchstens fünf Prozent von Seattle gesehen.“

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