Teil 7 unseres Reisetagebuchs „East-West-Central“: Erfahrungen mit dem amerikanischen Gesundheitssystem und eine Underground-Tour in Seattle mit „Opa-Rabatt“von Horst

Es gibt ganz bestimmt eine Reihe von Aspekten, die den „American Way of Life“ lebens- und liebenswert machen. Das Gesundheitssystem in den USA gehört allerdings nicht dazu. Auf unserer vierten Ferienreise in den Vereinigten Staaten haben wir erstmals selbst diese Erfahrung machen müssen.

Bei Julia hatte sich in den beiden vergangenen Tagen im rechten Auge ein Gerstenkorn gebildet, das nun auch zu schmerzen begann. Also sind wir am Dienstagvormittag in West Seattle in eine Art Polyklinik gefahren, um ein Rezept für eine heilende Salbe zu erhalten. Pech gehabt – die „Doctors“ hätten an diesem Tag keinen Termin mehr frei, beschied uns die Dame am Empfang. Noch schroffer wurden wir in der nächsten Gemeinschaftspraxis abgewiesen, in der wir unser Glück versuchten.

Hilfe kam von Ulrike, bei der wir hier in West Seattle drei Tage lang wohnen. Sie meldete uns telefonisch bei einer so genannten „Walk-In Clinic“ an. Tatsächlich zeigte man dort große Bereitschaft, Julia sofort zu helfen; allerdings sei das nur im „Emergency Room“ möglich. Inge musste dann „nur“ noch ein halbes Dutzend Formulare – fast immer mit denselben Angaben – ausfüllen und schriftlich erklären, dass wir bereit sind, für den reinen Zugang zu einem Doktor 300 Dollar zu entrichten. Das war ein regelrechtes Schnäppchen, in anderen Emergency Rooms kann die „Aufnahmegebühr“ auch schon mal 1.000 Dollar betragen. Die Gesundheit unseres Kindes liegt uns am Herzen – also unterzeichneten wir den Vertrag für die Behandlung.

Dann ging’s tatsächlich auch ganz schnell. Nach zehn Minuten wurde Julia zur Behandlung aufgerufen. Der erste Blick der freundlichen Ärztin galt nicht etwa dem Auge. Nein – zunächst mussten von einer Sprechstundenhilfe Julias Gewicht und Größe ermittelt – dann auch noch Puls und Körpertemperatur gemessen werden. Und nun ging’s endlich ans Auge. Die Ärztin stellte schnell fest, dass es sich tatsächlich um ein „Stye“ – zu deutsch Gerstenkorn handelt. Da würde eine Salbe gut tun, lautete ihr medizinischer Ratschlag und tippte sofort ein entsprechendes Rezept in ihren Computer.

Jetzt nahm die Geschichte doch noch eine positive Wendung. Weil die Tochter der Frau Doktor zurzeit in Bonn studiert, erhielten wir als Deutsche einen Sonderpreis für die umfassende Behandlung. Statt 300 Dollar „Eintrittsgebühr“ plus Behandlungskosten, mussten wir am Ausgang des vermeintlichen Emergency Rooms „nur“ 225 Dollar entrichten. Weiter ging’s zur vorgegebenen Pharmacy, wo wir nach weiteren 15 Minuten Wartezeit und dem Ausfüllen zwei weiterer Formulare auch schon die verschriebene Salbe erhielten. Kostenpunkt: 4 Dollar.

Die gute Nachricht des Tages lautet: Die insgesamt 229 Dollar teure Salbe zeigt Wirkung. Julias Gerstenkorn hat sich schon sichtlich zurückgebildet. Am Nachmittag konnten wir mit dem Wassertaxi von West Seattle aus über die Elliot Bay ins Zentrum übersetzen. Dort haben wir die sehr empfehlenswerte „Underground Tour“ mitgemacht. Eine forsche Reiseführerin, die nach ihrem Tonfall zu urteilen zuvor in der Army gedient haben muss, führte uns in die Gewölbe des ehemaligen Seattles, auf das nach dem großen Feuer von 1889 das heutige Zentrum einfach draufgesetzt wurde.

Dabei haben wir übrigens schon wieder gespart. Als „Neu-Sechzigjähriger“ konnte ich ein Seniorenticket lösen. Für den Besuch des Untergrunds von Seattle musste ich statt 16 nur 13 Dollar bezahlen. Für mich war es das erste Mal, dass ich einen so genannten „Opa-Rabatt“ in Anspruch nehmen konnte. Mir ist allerdings noch nicht klar, ob ich mich darüber tatsächlich freuen soll…

3 Kommentare zu “Im Emergency Room

  1. Den Opa-Rabatt habe ich in Boise, Idaho ungefragt am Tag vor meinem 55. Geburtstag erhalten. Ein Senior-Ticket für’s Kino. Meine Begeisterung hält sich bis heute in Grenzen. Gute Besserung an Miss Emergency Room 🙂

  2. Tröste dich, und ich fahre als Schwerbehinderte schon seit Jahrzehnten mit der Senioren-Bahncard. Die Dt. Bahn macht da keine Unterschiede. Bekommt man übrigens auch ab 60.
    Take it easy!
    Viel Spass noch auf eurem Trip!

  3. Tamara Huhle

    Na, das klingt ja reichlich „geschäftstüchtig“. In Norwegen hatten wir ähnlich Erfahrungen, dort war es nicht der Preis, sondern die Kilometer, die wir weiter fahren sollten (60), weil der Arzt keine Lust auf Überstunden hatte. Ich habe meinem Mann dann Wadenwickel und Brustwickel gemacht und das Fieber runter bekommen, der Rest kam dann aus der Reiseapotheke. Da weiß mann erst was man am deutschen Gesundheitssystem hat. Weiterhin „krankheitsfreie“ Reise 🙂

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