11. Teil unseres Reisetagebuchs „East-West-Central“ mit guten Gründen, Vancouver auf eigene Faust zu entdecken und Rundfahrtbusse zu meiden.

Rundfahrtbusse sind eine Erfindung für faule Touristen, die sich zuvor nicht oder nur oberflächlich mit ihrem nächsten Reiseziel beschäftigt haben. Wir waren faul, bevor wir nach Vancouver kamen. Oder – vielleicht auch nur zu verwöhnt von dem tollen Ausflug, den Ulrike Langer in Seattle mit uns gemacht hat. Weil am Samstag in Vancouver keine Ulrike zugegen war, die uns zielsicher die schönsten Seiten der Stadt hätte zeigen können, sind wir tatsächlich in so einen „Hop-on-Hop-off-Bus“ geklettert und haben das sehr bald bereut.

Nach einer gut einstündigen Tour auf der zwar keine Sehenswürdigkeiten, dafür eine Reihe von Hoteleingängen angesteuert wurden, um jeweils neue Rundfahrtgäste aufzunehmen, haben wir unseren „Big Bus“ im historischen Stadtteil Gastown fluchtartig verlassen – und damit begann ein weiterer erlebnisreicher Ferientag.

Wir sind ohne langatmige Erklärungen aus plärrenden Buslautsprechern durch Gastown geschlendert und haben dabei auch ein chinesisches Brautpaar bei den – hier obligatorischen – Aufnahmen der Hochzeitsfotos an der mit Dampf betriebenen „Steam Clock“ beobachtet. Jeder fünfte Einwohner von Vancouver ist chinesischer Abstammung. Viele von ihnen sind vor der Rückgabe der früheren britischen Kronkolonie Hongkong Mitte der 1990er Jahre an die nordamerikanische Pazifikküste übergesiedelt.

Gleich hinter Gastown schließt sich der Hafen an, der von dem 142 Meter hohen Harbour Tower überragt wird. Von der Aussichtsplattform hatten wir eine  umwerfende Sicht über die Bucht bis hin zu den Ausläufern der Rocky Mountains am Horizont. Der Aussichtsturm, der mit einem Shopping- und Business Center verbunden ist, wurde übrigens im August 1977 von dem gerade verstorbenen Astronauten Neil Armstrong (erster Mann auf dem Mond) eröffnet.

Mit einem Wassertaxi (Ticket ist in der „Hop-off-Tour“ enthalten) sind wir dann nach Granville Island übergesetzt. Die Halbinsel ragt weit in den False Creek hinein, der Vancouver an der südlichen Seite umgibt. Zugegeben – der Begriff „buntes Treiben“ ist ziemlich einfallslos für die Beschreibung von touristischen Zielen. Für Granville Island fällt mir allerdings nichts Zutreffenderes ein: Ein Public Food Market mit überladenen Ständen, bei denen die bunten Früchte ins Auge – und die Fische nur ein wenig in die Nase stechen. Daneben gibt es Kunsthandwerkstätten, kleine Boutiquen und gemütlich wirkende Restaurants, die vor allem Fischspezialitäten im Angebot haben. Wir haben uns einmal mehr für unglaublich gut schmeckenden „Lachs auf die Hand“ entschieden, den wir auf einer Holzbank am Ufer des False Creek verzehrten und dabei vorbeischippernde Yachten und Paddler in ihren kleinen Booten beobachtet.

Am frühen Abend sind wir dann mit dem Sky Train – einer fahrerlosen Schnellbahn – zurück nach Richmond gefahren. Das Schnellbahnsystem in Vancouver gilt weltweit als vorbildlich. Wohl zu recht. Innerhalb weniger Minuten brachte uns die moderne Bahn völlig ruckelfrei über die gut 20 Kilometer lange Strecke vom Hafen am nördlichen Rand der Metropole zurück in die südlich gelegene Vorstadt Richmond. Und das für umgerechnet kaum mehr als zwei Euro pro Person. Das ist weniger, als die einfache Busfahrt von Stephanskirchen nach Rosenheim kostet. Dafür dauert die länger und es ruckelt mehr.

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