Im 19. Teil unseres Reisetagebuchs „East-West-Central“ gibt’s Gedränge in der kanadischen „Wilderness“, herrliche Aussichten im Johnston Canyon, bestens ausgerüstete deutsche Touristen und ein Lied gegen „Bärenbefall“.


Alles klar – das gestrige Sauwetter hatte sich heute Morgen verzogen. Also machten wir uns auf den Weg in die kanadische „Wilderness“. Unser Ziel waren die Inkpots, sechs Wasserquellen, die kleine grüngefärbte Teiche bilden und das ganze Jahr hindurch eine gleichbleibende Temperatur von vier Grad haben sollen.

Zu erreichen ist die Idylle nach einer sechs Kilometer langen Wanderung mit durchaus anspruchsvollen Steigungen durch den Johnston Canyon, in dem vor allem zwei Wasserfälle herrliche Aussichten bieten.

Einsame kanadische Wildnis – von wegen. Dieselbe Idee wie wir hatten noch ein paar Tausend andere Touristen, die das lange Labour-Day-Wochenende (Montag ist Feiertag) in Banff und Umgebung verbringen. Auf dem ersten, rund ein Kilometer langen „Teilstück“ bis zu den Lower Falls herrschte ein Gedränge wie am Times Square in New York. Um in die Grotte unterhalb des Wasserfalls zu gelangen, war vorheriges Schlangestehen unausweichlich.

Danach lichteten sich die Reihen der Wanderlustigen schon merklich, zumal es jetzt auch steiler bergan ging. An den Upper Falls konnten wir sogar einige Fotos von Julia machen, ohne dass andere „Wandervögel“ ins Bild liefen.

Für das „Familienportrait des Tages“ heuerten wir dann eine nette ältere Dame an, die gemeinsam mit ihrer Schwester die Rocky Mountains von Calgary bis Vancouver bereist. Nach einigen Wortwechseln stellten wir fest, dass die beiden Damen aus Deutschland kommen – und das war überhaupt kein Zufall. Bei unseren Reisen in Nordamerika haben wir selten so viele deutsche Touristen getroffen, wie hier in den Rocky Mountains; dabei haben wir sogar unsere Ferien in Florida im vergangenen Sommer schon einbezogen.

Nach unserer Beobachtung zeichnen sich deutsche Touristen vor allem durch sorgsame Vorbereitung auf ihre Reiseziele aus. Während sich Amerikaner, Chinesen oder Inder teilweise in Badelatschen auf das letzte „Teilstück“ von den Upper Falls zu den Inkpots machten, gehört wanderfähiges Schuhwerk für unsere Landsleute genauso zur Grundausstattung wie ein ständig griffbereiter Reiseführer von beträchtlichem Umfang mit dessen Hilfe die besuchten Ziele genauestens analysiert werden. Nicht nur das. Auch die Ratschläge in den Reiseinformationen werden zumeist peinlich genau befolgt. Die beiden älteren Damen wollten zum Beispiel die Wanderung zu den Inkpots partout nicht fortsetzen, weil sie kein Bear Spray zur Abwehr wilder Bestien dabei hatten. Wir konnten sie schließlich doch überreden, den Weg zu dem lohnenswerten Ziel fortzusetzen.

Selbstredend hatten auch wir kein Bear Spray dabei und haben deswegen laut „Wiiiiiinter in Kanada“ (1966 von Elisa Gabbai) gesungen, um Bären oder andere gefährliche Wildtiere auf dem letzten – einsameren – „Teilstück“ zu den Inkpots fernzuhalten. Unser Gesang hat offensichtlich nicht nur wilde Tiere verscheucht, sondern dazu auch noch japanische Touristen verschüchtert. Jedenfalls hat uns eine entgegenkommende Gruppe ganz schön irritiert angeschaut und mitgesungen haben sie auch nicht. Dafür konnten wir schon heute Morgen – ohne Gesang – eine Hirschkuh mit ihrem Nachwuchs beobachten; nicht etwa in der „Wilderness“, sondern direkt vor unserem „Haus in Kanada“, wie wir unser Hotelzimmer in der Buffalo Mountain Lodge hier in Banff nennen.

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