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Goldene Zeiten für gute Journalisten

Viele deutsche Medien irren weiterhin hilflos durch die digitale Welt. So könnte das Fazit am Ende der Tagung „Digitaler Journalismus: Disruptive Praxis eines neuen Paradigmas“ lauten, zu der Volker Lilienthal, Professor für Praxis des Qualitätsjournalismus am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg in das Teehaus Yu Garden im noblen Hamburger Stadtteil Rotherbaum am Donnerstag und Freitag (5./6. November 2015) eingeladen hatte.

Angesichts immer neuer Vorstöße der Internetgiganten Google, Facebook und auch Apple in angestammte Bereiche des Journalismus, sieht zumindest Richard Gutjahr „goldene Zeiten für gute Journalisten“. Vor wenigen Jahren sei es für ihn als Journalist überhaupt kein Thema gewesen, beispielsweise jemals bei Facebook anzuheuern, inzwischen wolle er das gar nicht mehr so ausschließen, sagte Richard bei der abschließenden Podiumsdiskussion der Tagung, die ich am Freitag moderieren durfte. Tatsächlich scheint es für „klassische“ Medienhäuser immer schwieriger zu werden, mit Google und Co. mithalten zu können. „Der Kampf um die besten Journalisten hat längst begonnen“, meint Richard Gutjahr, nur hätten das viele Verlage und auch öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten bislang offensichtlich noch nicht bemerkt.

Anita Zielina - Chefredakteurin NZZ Online
Anita Zielina – Chefredakteurin NZZ Online

Eine der wenigen „Galionsfiguren“ des digitalen Journalismus im deutschsprachigen Raum ist die Österreicherin Anita Zielina, die nach einem einjährigen Aufenthalt an der Stanford University in Kalifornien, Führungspositionen beim Standard in Wien und dem Stern inne hatte. Seit Mai dieses Jahres ist sie bei der Neuen Zürcher Zeitung als „Chefredakteurin neue Produkte“ für Entwicklung und Umsetzung einer Digitalstrategie in dem renommierten Schweizer Medienhaus verantwortlich. In unserer Diskussionsrunde warnte sie vor allem davor, den Fokus zu sehr auf „Leuchtturmprojekte in komfortabler Umgebung“ zu legen, wie das auch vor ihrer Zeit bei der  NZZ der Fall gewesen sei. Damit meint sie zum Beispiel aufwendig produzierte Multimedia Storys, die nach ihrer Erfahrung nur einen Bruchteil der Nutzer erreichen: „99 Prozent nutzen Texte und Videos“.

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Cordt Schnibben | Bild: Screenshot ZAPP (NDR)

Indirekte Gegenrede kam von Cordt Schnibben im Interview mit dem NDR-Medienmagazin ZAPP. Die „Spiegel-Reporterlegende“ hatte vor der abschließenden Diskussionsrunde über Digitale Dramaturgie referiert: „Leuchtturmprojekte ist ein schiefes Bild. Wenn wir aufhören würden, Leuchtturmprojekte zu produzieren – also wir, die wir gut ausgestattete Redaktionen haben, welche Existenzberechtigung haben wir da noch. Es ist doch unsere Aufgabe, alle Möglichkeiten zu nutzen für großartige Geschichten.“

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