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Austauschen und Mitmachen

18. Dezember 2015 | Über die Zukunft des Radios wird seit Jahren auf den etablierten Medienkongressen debattiert. Spannend sind aber auch neue  Formen von Workshops und Konferenzen wie RADIOthopia, radio.hack und Radio Innovation Camp, die in diesem Jahr Premiere hatten und hoffentlich auch 2016 den Veranstaltungskalender von ambitionierten Hörfunkern bereichern werden. 

Privatfunk in der Gründerzeit Mitte der 1990er Jahr - Interview mit dem damaligen Arbeitsminister Norbert Blüm bei Radio Charivari München
Privatfunk in der Gründerzeit Mitte der 1980er Jahr – Interview mit dem damaligen Arbeitsminister Norbert Blüm bei Radio Charivari München

Ich erinnere mich in diesen Tagen oft an einen Satz, den die „Geburtshelfer“ des Privatradios in Deutschland wie Mike Haas und Ad Roland uns Neulingen in den 1980er Jahren immer wieder predigten: „Du musst deine Hörer überraschen“. Mit anderen Worten: Falle – möglichst positiv – auf, damit man dich wahrnimmt. Heute – inmitten des nicht mehr enden wollenden Social Media Buzz – ist das Buhlen um Aufmerksamkeit anstrengender und wichtiger denn je. Doch was ist von der ‚Überraschung’ im Radio geblieben?

Radio heute: Viele technische Innovationen - und im Programm?
Radio heute: Viele technische Innovationen – auch Fortschritte im Programm?

Viele Radiosender, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat, funktionieren wie eine Uhr. Alles ist erwartbar und voraussehbar. Jedes Element wiederholt sich Tag für Tag um die gleiche Zeit: Der Talk mit dem Wettermann um 7.10 Uhr, die Comedy um 7.20 Uhr, die Lokalnachrichten um 7.30 Uhr, der Bericht aus Berlin um 7.45 Uhr. Dazwischen noch immer, wenn auch sparsamer, die üblichen Sprüche von der vermeintlich besten Musik aller Zeiten.Tatsächlich gibt es noch Ausnahmen – hier und da Radiopersönlichkeiten, die aus der bis heute falsch verstandenen Simplizität des so genannten 3-Element-Breaks ausbrechen und ihre Moderationen mit Witz, Soundeffekten und einem eigenen Standpunkt würzen.

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Radiogipfel bei den Medientagen München 2015 – Hans-Dieter Hillmoth, Martin Liss, Robert Skuppin und ich | Bild: Medientage München 2015

„Radio erfindet sich täglich neu“, beantwortete FFH Chef Hans-Dieter Hillmoth meine Frage im Hinblick auf die Zukunftsausrichtung des Radios. Doch wohin soll die Reise gehen? Auch die Radiobranche weiß: Sie muss in Zeiten der mobilen Revolution große Anstrengungen unternehmen, um mit der neuen Konkurrenz in Sachen Social Media, Innovation und Technik mithalten zu können. Wie die Zukunft des Radios aussehen könnte, darüber wurde auch 2015 auf zahlreichen Konferenzen wie beispielsweise den Radiodays Europe in Mailand, den Lokalrundfunktagen in Nürnberg, den Tutzinger Radiotagen, dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig oder den Medientagen in München diskutiert.

BBC-Hörfunkdirektorin Helen Boaden im Interview bei RAI Radio 2 während der Radiodays Europe 2015 in Mailand
BBC-Hörfunkdirektorin Helen Boaden im Interview bei RAI Radio 2 während der Radiodays Europe 2015 in Mailand

Spannend – und durchaus zielführend – scheinen mir eine neue Art von Workshops und Konferenzen zu sein, die dieses Jahr teilweise erstmals an den Start gingen und die hoffentlich auch 2016 den Veranstaltungskalender bereichern werden. Ihnen allen gemeinsam ist das Mitmachprinzip. Zudem scheinen die Teilnehmer überdurchschnittlich motiviert und interessiert, die Radiozukunft mitzugestalten. Wie beispielsweise beim radio.hack, der Anfang des Jahres erstmals von der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) in München veranstaltet wurde. Rund 50 Journalisten, Developer, Designer und Radio Enthusiasten trafen sich im Februar, um drei Tage lang gemeinsam kreative Ideen für die Radiowelt zu entwickeln. Kaum mehr als 60 Leute passten im Mai – im Rahmen der mittlerweile auf mehr als 6.000 Besucher gewachsenen Bloggerkonferenz re:publica in Berlin – in den Innovationspace des Medieninnovationszentrums Babelsberg (MIZ). Bereits zum zweiten Mal wurden hier auf recht unkonventionelle Weise spannende Konzepte für die Zukunft von Radio und Journalismus ausgetauscht.

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Michael Praetorius beim radio.hack der BLM

Vordenker wie die Online-Expertin Anita Zielina, der Medien-Allrounder Michael Praetorius oder der Radiojournalist Daniel Fiene präsentierten unter dem Stichwort RADIOthopia ungewöhnliche Experimente, Wendepunkte und Erkenntnisse aus der Arbeit an innovativen (Radio-)Projekten. Statt passiver Berieselung gilt nun aktive Mitgestaltung: „Das gesamte Programm sowie der räumliche Aufbau sind eine persönliche Einladung an das Publikum, alle Programmelemente selbst mitzugestalten“, so die Veranstalter. Unterstützt wurde RADIOthopia unter anderen von Antenne Bayern, der BBC, der Deutschen Welle und 98,8 KISS FM.

„Austauschen und Mitmachen“, das war auch für

in Thüringens Landeshauptstadt veranstaltete. Die Erfurter App-Entwickler luden zum „Radio-Barcamp“ ein, einem Eventformat, bei dem die Teilnehmenden ihre Vorträge und Workshops selbst vorschlagen und gestalten und die Mehrheit über die Tagesordnung bestimmt. Gefolgt waren dem Aufruf rund 50 Radioenthusiasten aus Deutschland und der Schweiz, vom Programmchef bis zum Radiovolontär, Software-Developer, Kongressveranstalter und Studenten. Elf Sessions kamen über den Tag verteilt zustande.

Radiopreisträgerin Julia Bamberg bei Radio Innovation Camp in Erfurt | Bild: RCI
Radiopreisträgerin Julia Bamberg beim Radio Innovation Camp in Erfurt | Bild: RCI

Unter anderem referierte Philipp Eins, Journalist aus Berlin, darüber, wie man multimediale digitale Erzählformate radiofon gestalten und sich dadurch von anderen Medien absetzen kann. Moderne Redaktionssysteme, die den Radioalltag erleichtern könnten, stellte der Wissenschaftler und Radiojournalist Aeneas Rooch vor. Julia Bamberg, Gewinnerin des Deutschen Radiopreises als „Beste Newcomerin 2015“ steuerte ihre Erfahrungen über den Einsatz von Social Media Elementen bei radio ffn bei und Moritz Wasserek stellte die Frage in den Mittelpunkt, ob Radiomacher von YouTubern lernen können. Jim Sengl, mitverantwortlich für das Programm der Nürnberger Lokalrundfunktage, lobte die lockere Atmosphäre und die vielen Möglichkeiten, sich beim Barcamp aktiv in die Diskussion einbringen zu können. Bei der liebevoll vorbereiteten Veranstaltung, für die eigens eine RIC-App entwickelt wurde, kamen die Teilnehmer noch in den Genuss einer Stadtführung durch den wirklich sehenswerten mittelalterlichen Stadtkern Erfurts.

Mein Fazit: Innovationen im Radio lassen sich nicht von oben verordnen. Doch das zarte Pflänzchen ist seit diesem Jahr kräftig am Wachsen: In den Innovationslaboren öffentlich-rechtlicher Radios und in modernen Veranstaltungsformaten, die motivierte Radiomacher – vom Programmchef bis zum Praktikanten – mit Social Media Experten, Technikern und Softwareentwicklern zusammen bringen und zum Mitgestalten animieren. Wer Zeit hat, sollte sich 2016 das ein oder andere Event in den Kalender schreiben.

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