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Im Land der Amish People

14. August 2016 | Im 3. Teil unseres Reisetagebuchs berichten wir über eine Zeitreise zu den Amischen in Pennsylvania, die uns etwas ratlos machte.

Eine amische Familie in der Nähe der Ortschaft Bird-in-the-Hand im Südosten von Pennsylvania
Eine Amische Familie in der Nähe der Ortschaft Bird-in-the-Hand im Südosten von Pennsylvania

„Smile. You’re in Pennsylvania“ steht auf einem Schild vor dem Welcome Center kurz nachdem wir Maryland am Vormittag verlassen hatten. Nun ja, zum Lachen war uns am Sonntag nicht immer zumute als wir Dutch Country, die Heimat von rund 60.000 Amischen im Südosten des Bundesstaates Pennsylvania, besuchten. Auf der organisierten Bustour „Amish Experience Super Saver“ begegneten wir Pferdekutschen, die von Männern mit langen Bärten und schwarzen Hüten gesteuert wurden. Wir sahen Frauen in schürzenartigen Gewändern, die unter weißen Kopfhauben ihre gesamte Haarpracht verbergen (müssen). Und wir winkten kleinen Kindern zu, die so gekleidet waren, wie wir es aus Filmen kennen, die im 19. Jahrhundert spielen. Immer wieder kam in uns das schlechte Gefühl auf, anders lebende Menschen im Vorbeifahren als reine Fotomotive zu betrachten.

Inge-Schule
Back to School: Inge in einem Amischen Klassenzimmer

Die Amischen sind eine streng protestantische Glaubensgemeinschaft, deren Mitglieder vorwiegend aus der Schweiz und dem Rheinland stammen. Weil sie in Europa wegen ihrer streng religiösen Haltung verfolgt wurden, wanderten die nach dem Schweizer Prediger Jakob Amman benannten Gläubigen vor allem im 18. Jahrhundert nach Nordamerika aus. Hier leben sie weitgehend autark in Großfamilien und Dorfgemeinschaften, zahlen keine Steuern und nehmen im Gegenzug auch keine Leistungen des Staates in Anspruch. Die Kinder werden in Einheitsklassen der eigenen Schulen bis zum 14. Lebensjahr unterrichtet. Weiterführende Schulen oder gar  Universitäten sind für Amish People tabu. Die Männer sorgen als Bauern oder Handwerker für das notwendige Einkommen, während die Frauen sich um Haus und Kinder kümmern.

Nichts für Inge: Traditionelle Kleider der Amischen Frauen
Nichts für Inge: Traditionelle Kleider der Amischen Frauen

Ab dem 16. Lebensjahr kann jeder Jugendliche ein lebenslang verbindliches Bekenntnis für den Amischen Glauben ablegen. Trotz des damit verbundenen Verzichts auf technische Errungenschaften wie Elektrizität, Autos, Fernsehen oder gar Smartphones, sollen sich nach Auskunft unseres Tour Guides 90 bis 95 Prozent des Amischen Nachwuchses hier in Pennsylvania für dieses andere Leben entscheiden. Da die Familien zumeist kinderreich sind, scheint die Zukunft der Religionsgemeinschaft vorerst gesichert zu sein.

Inge und Horst vor einer typischen gedeckten Pferdekutsche
Inge und Horst vor einer typischen gedeckten Pferdekutsche

Ratlos gemacht hat uns vor allem die touristische Erschließung des Amischen Lebens, zumindest hier im „Dutch Country“ – das hat nichts mit den Niederlanden zu tun, sondern bedeutet „Deutsches Land“. In dem Gebiet um die Kleinstadt Lancaster kann von Abgeschiedenheit kaum die Rede sein. Besucher können „Buggy Rides“ mit den typisch überdachten Pferdekutschen buchen, einen „Amish Household“ und ein Klassenzimmer anschauen oder im Multimedia Theater der Freizeitanlage „Amish Experience“ das Leben der Amischen auf dramatische Weise ein wenig kennenlernen. Wer tiefer in die Tasche greift, darf sogar auf einem „richtigen Bauernhof“ beim Melken dabei sein und sich anschließend mit der Familie beim Abendessen zusammensetzen.

Texas-Roadhouse
Urige Einrichtung im „Texas Road House“ am Rande von Lancaster

Wir haben auf dieses „touristische Experiment“ dann doch verzichtet und am Abend Inges Geburtstag – ganz 21. Jahrhundert – lieber mit zwei großen Steaks im „Texas Road House“ am Stadtrand von Lancaster gefeiert. Übrigens, zu so günstigen Preisen, die im Vergleich zu New York, Washington oder San Francisco an längst vergangene Zeiten erinnern.

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