2016 USA-SONY Tour Aktuell Reisetagebücher

Amische, Mennoiten und andere

15. August 2016 | Am zweiten Tag unseres Aufenthalts im Dutch Country haben wir weitere  unvergessliche Eindrücke vom Leben der Amish People erhalten und dabei gelernt, dass so manches verbreitete Gerücht um die Glaubensgemeinschaft einfach nicht zutreffend ist. Viel Spaß beim Lesen des 4. Teils unseres Reisetagebuchs 2016.

Ein älterer Mann fährt mit seinem Einspänner auf der Amish Road in der Nähe der winzigen Ortschaft Gap.

„Amish People leben noch so wie vor 300 Jahren“, lautet die Überschrift zu einem Artikel, der im Jahr 2009 bei Welt.de veröffentlicht wurde. Und weiter heißt es im Text unter anderem „Etwa 180.000 Amish People leben abgeschieden in den USA und Kanada. Neugierige Besucher werden stoisch geduldet, denn Klagen ist in der Religionsgemeinschaft verpönt.“ Drei Jahre später, im Dezember 2012, erschien auf demselben Onlineportal ein weiterer Artikel mit ähnlichen Kernaussagen.

Eine offene Arbeitskutsche der Amish People und ein Kleintransporter der "English People" wurden nebeneinander vor einer Saatguthandlung nahe der Ortschaft "Bird-in-the-Hand" geparkt
Eine offene Arbeitskutsche der Amish People und ein Kleintransporter der „English People“ sind nebeneinander vor einer Saatguthandlung in der Ortschaft Gap geparkt

Aufgrund solcher Veröffentlichungen waren wir mit ziemlich falschen Vorstellungen in das Dutch Country (Deutsches Land) in den US-Bundesstaat Pennsylvania gereist. Tatsächlich glaubten wir, dass Amische und auch die weniger streng gläubigen Mennoiten abgeschieden und kaum erreichbar in fest umgrenzten Gebieten leben, gar vergleichbar mit Reservaten in die  Indianer vielfach abgeschoben wurden.

Inge fotografiert mit respektvollem Abstand ein Bauerngehöft der Amischen
Inge fotografiert mit respektvollem Abstand ein Bauerngehöft der Amischen

Von „Abgeschiedenheit“ kann zumindest nicht im Gebiet der Amish People um die Kleinstadt Lancaster die Rede sein. In den kleinen Ortschaften sind Amische, Mennoiten und „English People“ – wie alle anderen hier genannt werden – sogar Nachbarn. Dazu gibt es außerhalb der Dörfer Anwesen von Amischen Farmern, die jedoch an das dichte – und viel befahrene – Straßennetz angebunden sind. Überall weisen deswegen Hinweisschilder auf die Kutschen der Amish People hin, für die auf den meisten Straßen – ähnlich der Fahrradwege bei uns – schmale Fahrspuren an den Seiten eingerichtet wurden.

Schild-b
Warnschilder vor „Buggies“ der Amischen und Mennoiten am Ortsausgang von Intercourse

Die Warnschilder haben keinesfalls nur symbolischen Charakter, sondern sollen Autofahrer einerseits zur Vorsicht vor den Pferdewagen mahnen, anderseits aber auch vor zumeist jungen und wilden Kutschenfahrern warnen. Bei einem Fotostop haben wir zufällig selbst mitbekommen, wie ein junger Amischer sein Pferd gewaltig antrieb, um zumindest für einen winzigen Augenblick mit einem gerade anfahrenden riesigen LKW mithalten zu können.

"Junge Raser" gibt's auch unter den Amish People
„Junge Raser“ gibt’s auch unter den Amish People

Als Horst am Rande der US Highway 340 einen Schnappschuss aus der Ferne von einem Farmer machen wollte, der mit seinen beiden Maultieren das Feld düngte, brauchte er einige Zeit, um endlich die viel befahrene Schnellstraße überqueren zu können. Die weithin stinkende Gülle kam übrigens aus einem Plastikbehälter, der ganz bestimmt keine 300 Jahre alt ist und wohl auch später nicht von Amischen Handwerkern hergestellt wurde.

Bauer-b
Am Rande der US Highway 340 düngt ein Farmer mit Hilfe von Maultieren das Feld

Für uns ist es weiterhin undurchsichtig, welche technischen Hilfsmittel Amish People nutzen dürfen und auch welche Konsumgüter zugelassen sind. Darüber bekäme wohl niemand außerhalb der amischen Gemeinden Auskunft, sagte uns ein älterer Tour Guide, der schon seit vielen Jahren Rundfahrten durch das Dutch Country in Pennsylvania begleitet.

Eine durchaus modern wirkende Küche der Amish People
Eine durchaus modern wirkende Küche der Amish People

Elektrizität ist beispielsweise streng verboten. Deswegen sind bei Dunkelheit die Häuser der Amish People wegen der kargen Beleuchtung schnell auszumachen. Andererseits gibt es ganz modern wirkende Kühlschränke, die allerdings mit Gas betrieben werden. Und auf dem Küchentisch eines „Vorzeigehauses“ in der Gemeinde Bird-in-Hand stehen sogar Cola- und Canada Dry-Dosen aus Aluminium. Am Rande der Landstraßen, wo Amische Frauen Gemüse und Obst an kleinen Ständen anbieten, sind sowohl hölzerne Bottiche als auch Plastikschüsseln zu finden.

Gemuese-b
Gemüsestand am Rande der Amish Road

Bevor wir Dutch Country am Montagnachmittag wieder verließen, besuchten wir noch einen Friedhof der Mennoiten, die ebenfalls – wie die Amischen – im 18. Jahrhundert aus Europa nach Pennsylvania kamen. Auf den Grabsteinen, die bis in die Zeit der ersten Einwanderer der Glaubensgemeinschaft zurückreichen, sind vor allem deutsche Namen wie Kauffman, Stoltzfus oder Kreidler zu lesen.

Friedhof-b
Friedhof der Mennoiten in der Nähe von Bird-in-Hand

Im Gegensatz zu den Amischen sind die religiösen Regeln der Mennoiten weniger streng. Technik – wie Telefon – darf benutzt werden und Kinder dürfen außerhalb der eigenen Gemeinden auch weiterführende Schulen besuchen. Allerdings steht auch bei dieser Glaubensgemeinschaft die Familie im Mittelpunkt des Lebens. Darum sind Amish People und Mennoiten nun wirklich zu beneiden.

Top