Blog

Weil er nicht drum rum schnackt

8. September 2017 | Anmerkungen zur Gala des Deutschen Radiopreises 2017 in der Hamburger Elbphilharmonie im Allgemeinen und zum hochverdienten Preisträger Carsten Kock im Besonderen.

Radiopreisträger Carsten Kock und Andreas Otto mit Kirsten Kock

Es gibt noch fundierten Journalismus im deutschen Radio, sogar im Privaten. Einer der trotz Um-, Quer- und Falschformatierungen vieler Programme zu nichtssagenden Dudelwellen diesen Weg nie verlassen hat ist Carsten Kock. Am Donnerstagabend wurde der Chefkorrespondent von Radio Schleswig-Holstein gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Otto in der Hamburger Elbphilharmonie mit dem Deutschen Radiopreis 2017 in der Kategorie „Bestes Nachrichten- und Informationsformat“ verdientermaßen ausgezeichnet. Den Preis erhielten die beiden „Urgsteine“ des norddeutschen Privatradios für einen zweistündigen Nachklapp zur Landtagswahl in Schleswig Holstein, der am 14. Mai bei R.SH ausgestrahlt wurde. Diese Sendung war keine „Eintagsfliege“. „Politik am Sonntag“ läuft seit vielen Jahren wöchentlich zwischen 10.00 und 12.00 Uhr im Programm des schleswig-holsteinischen Marktführers. Laudator Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, würdigte Carsten Kock als „kompetenten, freundlich, aber zäh nachfragenden und hörernah präsentierenden Macher“. In Nordfriesland, der Heimat von Carsten Kock, drückt man so etwas einfacher aus: „Weil er nicht drum rum schnackt.“

Bundesbankpräsident Jens Weidmann überreicht Carsten Kock den Deutschen Radiopreis | Bild: Deutscher Radiopreis / Morris Mac Matzen

Carsten Kock habe ich vor ziemlich genau 30 Jahren in der Nachrichtenredaktion von R.SH im Funkhaus Wittland am Stadtrand von Kiel kennen- und schätzen gelernt. Im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen versuchte er nicht durch „wüste“ Beschimpfungen mir als damals bereits 35jährigem Praktikanten das Radiomachen zu vermiesen. Im Gegenteil – Carsten erklärte mir geduldig, wie Hörfunknachrichten verständlich aufbereitet – und ansprechend präsentiert werden. Was ich damals bei ihm gelernt habe, gebe ich noch heute an meine Studierenden weiter.

Tolle Newcomerinnen und einige „Preisverdächtige“

In der „Elphi“ wurden am Donnerstagabend Reporter, Moderatoren, Nachrichtenredakteure und Newcomer in elf Kategorien mit dem Deutschen Radiopreis 2017 ausgezeichnet. Darunter einige „Preisverdächtige“ wie Wolfgang Leikermoser, langjähriger Präsentator der Morgensendung von Antenne Bayern, als „Bester Moderator“. John Ment erhielt mit seinem Team den Preis für die „Beste Morgensendung“: „Mission Aufstehen! Die Radio Hamburg Morningshow“.

Beste Newcomerin ist Henriette Fee Grützner von RADIO PSR mit Laudator Benno Fürmann | Bild: Deutscher Radiopreis / Morris Mac Matzen

Die Zukunft des Radios scheint indes weiblich zu sein. Zumindest wurden von der Jury drei junge Hörfunkerinnen nominiert, die wohl alle den Deutschen Radiopreis 2017 verdient hätten.  Gewonnen hat schließlich Henriette Fee Grützner, die für Radio PSR „Unglaubliche Geschichten aus Sachsen“ aufdeckt.

Alle Preisträgerinnen und Preisträger können – sogar mit bewegten Bildern von der Preisverleihung – auf der ausgezeichnet aufbereiteten Website des Deutschen Radiopreises nachgesehen werden.

Die Elphi verträgt keine Lautsprecher

Der Deutsche Radiopreis wurde bislang acht mal innerhalb von Gala-Veranstaltungen verliehen; diesmal in der Elbphilharmonie. Dieser Wechsel vom angestammten „Schuppen 52“ im Hamburger Industriehafen in das neue Wahrzeichen der Hansestadt war im Vorhinein durchaus spektakulär, dürfte jedoch eine Ausnahme bleiben. Das Konzertgebäude erwies sich sowohl für die Preisverleihung selbst als auch für die After-Show-Party in einigen Belangen als ungeeignet.

Der „Geigen-Punk“ Nigel Kennedy bei seinem Auftritt | Deutscher Radiopreis/Philipp Szyza

Besonders störend war die schlechte Tonqualität während der Galaveranstaltung. Ansagen und Moderationen waren teilweise kaum zu verstehen, Einspiele klangen vielfach blechern und/oder klirrend. „Die Elphi verträgt einfach keine Lautsprecher“ klagte später ein hochrangiger NDR-Mitarbeiter, der für die Organisation der Veranstaltung mitverantwortlich war. Man habe sich tagelang vergeblich bemüht, den elektronischen Klang im Großen Saal zu verbessern. Dass die Elphilharmonie bei „unverstärkten“ Klängen dagegen einen großartigen Hörgenuss bietet, wurde beim Einsatz eines Ensembles der NDR Radiophilharmonie zu Beginn der Veranstaltung eindrucksvoll bewiesen. Auch „Geigenpunk“ Nigel Kennedy, der bei der Gala für den Deutschen Radiopreis 2017 das eigens dafür komponierte Solostück „Caprice St. Pauli“ aufführte, nutzte die „Elphi“ eindrucksvoll als „Klangkörper“.

Finale mit der ABBA-Legende Benny Anderson | Deutscher Radiopreis /Benjamin Hüllencremer

ABBA-Legende Benny Anderson und der großartige Peter Maffay

Vor der Galaveranstaltung hatten Gerüchte die Runde gemacht, dass möglicherweise Mick Jagger, der am Samstag im Hamburger Stadtpark mit den Rolling Stones die nächste Welt Europatournee startet(e), als „Überraschungsgast“ beim Radiopreis „auftauchen“ könnte. Nun ja, man habe tatsächlich eine entsprechende Anfrage an das Management der Stones gerichtet, verriet mir der bereits zuvor zitierte NDR-Mann, jedoch nicht einmal eine Absage erhalten. Dennoch standen – und saßen – internationale Stars am Donnerstagabend auf der Bühne im Großen Saal der Elbphilharmonie: Neben Nigel Kennedy, Beth Ditto, die „mächtige“ frühere Frontfrau der Gruppe Gossip. Dazu die Britin Anne-Marie („Rockaby“), deren Begleitband allerdings hör- und sichtbare Probleme mit dem Playback hatte sowie im Finale Benny Anderson. „Thank you for the Music“ spielte die ABBA-Legende am Flügel – und (fast) alle im Saal sangen mit.

Ein starker Auftritt von Peter Maffay in der „Elphi“ | Bild: Deutscher Radiopreis/Philipp Szyza

Den größten Beifall – oder richtiger: tosenden Applaus – erhielt verdientermaßen Peter Maffay, der zusammen mit Johannes Oerding und Jennifer Weist live auftrat und dabei auch den Klassiker „Über sieben Brücken“ sang. Später im Foyer, als wir uns persönlich bei ihm für den großartigen Auftritt bedankten, begegnete uns Maffay so, wie wir ihn schon seit Jahren kennen: Bescheiden und dankbar für das aufrichtige Lob.

Kein Lob hat dagegen Günther Jauch verdient. Die vermeintliche „Fernsehpersönlichkeit mit der größten Glaubwürdigkeit“ (Programmankündigung)  änderte einfach die „Spielregeln“ bei der Preisverleihung. Als Laudator für die Kategorie „Beste Reportage“ rief er zuerst die Siegerin Susann Krieger (MDR Kultur) auf die Bühne, bevor er alle drei Nominierten durch die obligatorischen Einspielfilme vorstellen ließ. Diesen Affront gegenüber den „unterlegenen“ Radiomachern hätte sich der Ex-Hörfunkkollege besser sparen sollen.

Drei „gestandene“ Radiofrauen: Inge Seibel, Sina Peschke und Valerie Weber

Trotz Günther Jauchs Fauxpas und der erwähnten technischen Mängel während der Gala erlebten wir eine insgesamt schwungvolle Preisverleihung, die von Barbara Schöneberger ansprechend präsentiert wurde. Die Show-Acts waren durchweg gut – nur die anschließende Party in den weitläufigen Foyers der „Elphi“ wollte nicht so richtig in Schwung kommen. Bereits gegen 2 Uhr wurden die letzten Besucher aus der „Elphi“ hinauskomplimentiert. Die „lange Radionacht“ wird dann wohl im kommenden Jahr im „Schuppen 52“ nachgeholt.

Hinweis: Blogbetreiberin Inge Seibel war Mitglied der Jury für den Deutschen Radiopreis 2017, hat jedoch an der Erstellung dieses Beitrags nicht mitgewirkt.

Top