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Das Internet ist immer schuld…

17. Dezember 2009. „Die Qualität in den Medien sinkt, trägt das Internet eine Mitschuld?“ – Das war vermutlich nur eine rhetorische Frage. Nichtsdestotrotz –  zu deren Klärung hatte die im herrlichen Tutzinger Schloss residierende Evangelische Akademie Tutzing gemeinsam mit der Akademie für politische Bildung an den Starnberger See geladen. Und sie bot genug Stoff für angeregte Diskussionen.

Auf der Referentenliste bekannte Namen wie Medienprofessor Volker Lilienthal, Zeitungsverleger Dirk Ippen, Jens Jessen, Feuilletonchef der „Zeit“ oder Volker Herres, Programmdirektor der ARD. Entschuldigen ließ sich allein Nikolaus Brender. Dem scheidenden Chefredakteur des ZDF war verständlicherweise derzeit nicht nach Qualitätsdiskussionen zu Mute. Dafür aber um so mehr den rund hundert Tagungsteilnehmern, größtenteils selbst Journalisten.

Podiumsdiskussion mit Jürgen Doetz, Dirk Ippen, Sissi Pitzer, Mercedes Riederer und H.-J. Jakobs
Podiumsdiskussion mit Jürgen Doetz, Dirk Ippen, Sissi Pitzer, Mercedes Riederer und H.-J. Jakobs

Auch wenn die Vortragenden nicht immer den bewusst provokant vorgegebenen Schlagzeilen ihrer Referate gerecht wurden – in Tutzing fiel so manch interessante Bemerkung.

„Fernsehen wird von Proleten mit Proleten für Proleten gemacht“ – für solche Sätze wurde Jens Jessen, Feuilletonchef der „Zeit“, vom Publikum ordentlich gescholten. Er sollte aber auch zur „Dummheit in der ersten Reihe“ referieren und sein pointierter Vortrag fand – nicht zuletzt durch seine blumige Sprache – durchaus auch Bewunderer.

Dirk Ippen: „Wir haben keine Krise – wir haben einen Systemwandel“

Klare Ansagen des Münchener Verlegers am 2. Veranstaltungstag in Tutzing. Zwar sei mit Informationen ohne echten Mehrwert kein Geld mehr zu verdienen, aber die bisherigen Verluste im Netz könnten die Medienproduzenten verschmerzen, weil alle noch genug mit den traditionellen Medien verdienten. In Tutzing kam kein Widerspruch.

Verleger Dirk Ippen missfiel das Motto der Abschlussdiskussion „Wenn die Qualität in den Medien sinkt, dann verliert die Gesellschaft an Intelligenz“. Im Gegenteil, das Internet stelle Gesellschaft und Öffentlichkeit viel besser her, als klassische Medien das könnten, meinte Ippen am Dienstag in Tutzing. Der Verleger verlangt in seinen Zeitungshäusern auch kein Studium als Qualifikationsmerkmal: „Es ist falsch zu glauben, erst mit dem akademischen Studium fängt der intelligente Mensch an.“ Interessant ist auch, aus des Verlegers Munde zu hören, welch ein Segen es sei, heute keine Rotationsmaschine mehr für freie Meinungsäußerung zu brauchen. Außerdem glaubt Ippen, dass viele Zeitungshäuser noch große Reserven haben, Geld außerhalb der Redaktionen einzusparen.

Ich frage mich, warum sein Satz so ungehört verhallt?

Allen Unkenrufen der letzten Tage zum Trotz überraschte auch Jürgen Doetz, Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), mit der Feststellung: „Nachrichten gehören zum Angebot eines privaten Senders“ – die Gestaltung aber solle man bitte den Sendern selbst überlassen, war sein Wink mit dem Zaunpfahl an die Medienwächter. Er sieht durch das Internet keine Gefahr für den Journalismus: „Der Journalist als solcher ist durch das Internet nicht gefährdet – nur die Transporteure“, so Doetz.

Wer noch mehr Statements aus Tutzing lesen will, der schaut am besten im Blog von Richard Gutjahr vorbei. Der Fernsehjournalist hat in einer pdf-Datei eine Thesensammlung der von Journalisten über Twitter veröffentlichten Kurznachrichten (Tweets) ins Netz gestellt.

„Ich wünsche mir vom Internet…“

Mit seiner Kamera, klein wie ein Handy, interviewt Richard Gutjahr Verleger Dirk Ippen.
Mit seiner Kamera, klein wie ein Handy, interviewt Richard Gutjahr Verleger Dirk Ippen.

Wie man einer Veranstaltung als Journalist seinen eigenen Stempel aufsetzen und das Beste aus ihr herausholen kann – das hat übrigens Richard Gutjahr nachahmenswert auf seinem Blog gezeigt.

„Am Rande der Tagung ‚Qualität unter Druck – Journalismus im Internetzeitalter‘ in Tutzing wollte ich nur eines wissen – Was wünschen sich die Medienmacher zu Weihnachten vom Internet?“ beginnt Gutjahr’s Blogeintrag. Zahlreiche Tutzinger Referenten hat er mit seiner kleinen Videokamera, die nicht größer als ein Handy ist, für Einzelstatements vor die Linse geholt und die Videos noch am selben Abend auf Youtube eingestellt.

Die klassischen Medien rücken im Team an: Redakteur, Kameramann und Kabelhalter
Die klassischen Medien rücken im Team an: Redakteur, Kameramann und Kabelhalter

Ob das die Zukunft des Journalismus ist?, fragten sich die anwesenden Kollegen des Bayerischen Rundfunks und beantworten die Frage in ihrem Fernseh-Beitrag für das Rundschaumagazin mit: „Keiner weiß es.“

Noch hat der Journalist, der hauptberuflich selbst als Profi-Moderator der Rundschau Nacht beim BR arbeitet, für seine „Nachmittagsbeschäftigung“ in Tutzing keine Auftraggeber.  Aber – und hier schließt sich der Kreis – wie sagte Richard Gutjahr einen Tag zuvor auf dem Podium der BLM in München: „Journalismus ist Kommunikation und Bloggen ist wahnsinnig spannend, weil man so viel zurückbekommt.“

Richard Gutjahrs Blog ist beispielhaftes Experimentierfeld für den Journalismus der Zukunft, das ich hiermit wärmstens empfehlen möchte.

Weiterer Beitrag zum Thema: Spannende Journalistentagungen in München und Tutzing

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