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Hier läuft was falsch!

6. April 2010. Richard Gutjahr ist Journalist. Er hat eine klassische Ausbildung auf der Münchener Journalistenschule absolviert, arbeitete für Radiostationen, Zeitungen und derzeit für das Fernsehen.

Richard Gutjahr ist Blogger – erst als solcher fiel er mir auf, denn Richard Gutjahr experimentiert gerne mit den neuen Möglichkeiten und Techniken für Journalisten im Web 2.0 – und das auf sehr amüsante und unterhaltsame Weise.  Mittlerweile habe ich Richard auch persönlich kennengelernt. Seine Visionen für den Journalismus der Zukunft  wirken ansteckend! Er nutzt – zumindest bis dato – alle Plattformen des Sozialen Netzes wie “YouTube”, “Flickr”, “Facebook” oder “Twitter”.

Richard Gutjahr in New York
Richard Gutjahr in New York

In der vergangenen Woche zog er aus nach New York, weil er schon lange vorhatte, im eigenen “Gutjahr’s Blog” und unter Zuhilfenahme  der multimedialen Plattformen  über ein Ereignis zu berichten:  “Ein Thema wie das ‚iPad’ bietet sich für so etwas geradezu an. Es gibt eine Unmenge von Tech- und  Medienbloggern, die sich in diesen Tagen Gedanken über diese neue Entwicklung machen. Wenn ich mit meinen Interviews, Videos oder Fotos aus New York zur Diskussion beitragen könnte, würde mich das freuen.” Was er damals noch nicht ahnen konnte:  Richard wurde als 1. weltweiter iPad-Käufer selbst zum Gegenstand der Berichterstattung…

Eine Diskussion hat Richard Gutjahr in der Tat ausgelöst, aber jetzt  muss er auch feststellen, dass,  wer sich ins Web 2.0 begibt, schnell selbst zum Gegenstand der Diskussion werden kann. In den letzten Tagen haben sich viele begeistert, aber so mancher auch mit einer gewissen Häme zu Wort gemeldet, für die ich absolut kein Verständnis habe:  „Offene Email an den BR – SelbstPR – kostenlos – für mich ein Skandal“ schreibt da ein gewisser @ BGillich in fehlerhaftem Deutsch und tritt damit fast schon einen beruflichen Vernichtungsfeldzug gegen den BR-Reporter Richard Gutjahr an. Wer sich positiv zur Aktion äußert, darf sich von @khstannies als „übergeschnappter Gralshüter“ titulieren lassen.  Angehende Volontäre wie @Martingiesler sehen eine „Absage an den objektiven Journalismus“ und nutzen die Aufmerksamkeitswelle um Gutjahr als Sprungbrett für eigene Publicity („Hui – so viele Besucher auf meinem Blog heute! Danke“). Andere bemühen die gern zitierten Worte Hajo Friedrichs an Journalisten:  „Mache Dich nie mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten.“  Diese Worte hat  der anerkannte und bereits 1995 verstorbene  Journalist lange vor den Zeiten des  Medienwandels geäußert…

Wer das Blog von Richard Gutjahr regelmäßig liest, der weiß, dass es ihm gewiss nicht in erster Linie um Selbstinszenierung ging, sondern dass er begeistert ist von den neuen Möglichkeiten, die neue Techniken und Social Media den Journalisten bieten. Schon lange wollte er damit experimentieren und sah den Verkaufsstart des iPad als eine willkommene Gelegenheit. Das ist u.a. bei blogmedien.de dokumentiert:

Zitat: “Ich betreibe hier Training. Ich glaube fest daran, dass Geräte wie das ‚iPad’ nicht nur die Technik oder irgendwelche Vertriebsmodelle verändern, sondern auch den Journalismus.” – Gutjahr will deswegen mit seinem Einsatz in der Warteschlange ausprobieren, “wie Soziale Netzwerke dabei helfen können, um das zu tun, was wir Journalisten immer getan haben: recherchieren, filtern, und Geschichten erzählen.”

Herausgekommen sind zahlreiche Updates bei Twitter, Unmengen von Fotos bei  Flickr, deren sich jeder Blogger kostenlos bedienen darf, unterhaltsame Videos auf Gutjahr’s Blog, verschwommene  und Standbilder per U-Stream.  Soviel zum „Output“ auf der Bloggerschiene.

Auf der Journalistenebene entstanden klassisch journalistische – und durchaus kritische – Artikel in der Münchener Abendzeitung und Videos für Süddeutsche-online.

Über Gutjahrs Socialmedia-Experiment darf man jetzt diskutieren, selbstverständlich!  Und ich hoffe, dass er noch Lust und Laune hat, uns selbst an seinen Reflexionen über das Experiment teilhaben zu lassen.  Es war crossmedial, unterhaltsam und informativ, manch einer hatte das Gefühl, er sei selbst in New York vor Ort.

Aber es gab auch so manches, worüber es sich lohnt, nachzudenken: Vielleicht eine Überpräsenz im Twitterkanal – nicht von @gutjahr, sondern durch uns „Verfolger“? ( Ich habe selbst so einige an diesem Wochenende „verloren“ – und es ist mir in diesem Fall egal ;-))  Oder:  Lohnt sich ein Ustream, wenn die Bilder öfter stehen als laufen? Kann ein Mann alleine das überhaupt bewältigen, alle Social Media Kanäle zu bedienen? War das iPad wirklich so gut als Test- und Experimentierfeld gewählt, wenn man bedenkt, wie Apple und sein Geschäftsgebaren die Gemüter – sicher nicht zu Unrecht – spaltet?

„Mein Aufenthalt hier war eine wirklich außergewöhnliche Erfahrung, über die Zeiten des (Medien-) Wandels, in dem wir uns alle befinden“, schreibt Richard Gutjahr in seinem Blogpost „The end“. Ich bin gespannt darauf, mehr darüber zu erfahren!

Aber auch etwas anderes hat Richards Experiment uns deutlich vorgeführt, was wir so sonst nie gesehen hätten: die wahren „Gegängelten“  des iPad-Launchs waren die Vertreter der klassischen Medien.  Zu Hunderten sind sie aus aller Welt nach New York gekommen.  Haben Satellitenschüsseln und Kameras aufgebaut.  Ihnen wurde der Weg zu den Wartenden in der Schlange versperrt, immer wieder wurden sie von Apple-Bodyguards in unfreundlicher Manier  in Schranken und Absperrungen verwiesen.  Wie authentisch konnten sie wirklich berichten?  Warum muss sich die Presse ein solches Gegängele von einem Wirtschaftskonzern gefallen lassen, der letzten Endes auch damit kostenlose PR ohne Ende erntet?

Ach ja, und dann war da noch was in den letzten Monaten: das gepredigte Unternehmertum im Journalismus, die Selbstreputation,  der Journalist als Marke – ach Leute, wie weit sind wir denn davon noch in Deutschland entfernt?

„Journalisten, die Marke sein wollen, sollten sich in jedem Fall die Grundfunktionen einer Marke klar machen“, schreibt Olaf Kolbrück bei „off the record“.

„Das verlangt auch die Bereitschaft, zu polarisieren, anzuecken.“ – Diesen Satz finde ich ganz essentiell.

Solltet Ihr Euch unbedingt mal durchlesen.

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