Blog

100 Prozent auf alles, außer Tiernahrung

In Teil 4 unseres Umzugstagebuchs geht’s unter anderem um unsere alte Küche mit der wir eine junge Mutter glücklich machen.

Unser Vermieter hat inzwischen Nachfolger für die Haushälfte in Stephanskirchen gefunden, die vierzehneinhalb Jahre unser Zuhause war. Die junge Familie freut sich darüber, dass wir ihr Markise und Holzbodenbelag auf der Terrasse hinterlassen, zum Nulltarif versteht sich. In unserer künftigen Wohnung in Hamburg, wären die Sachen ohnehin überflüssig gewesen. Gern hätten wir den Nachfolgern auch noch unsere Anbauküche vermacht, komplett mit Herd, Kühlschrank, Mikrowelle und allem, was sonst noch zu einer ordentlich ausgestatteten Kücheneinrichtung dazu gehört. Doch dafür bestand kein Bedarf.

Wir hatten ohnehin nicht vor, für Gegenstände, die wir künftig nicht mehr brauchen können, eine Art „Kuhhandel“ zu betreiben. In Anlehnung an den Werbeslogan einer  gerade in Insolvenz gegangenen Baumarktkette „100 Prozent auf alles, außer Tiernahrung“, platzierten wir noch am späten Mittwochabend eine Anzeige in zwei Verkaufsportalen im Internet: „Einbauküche komplett, kostenlos abzugeben.“ Mal sehen, vielleicht meldet  sich ja jemand, dachten wir uns.

Von wegen. Wir hätten nie erwartet, dass die Küchenaktion zur bislang größten emotionalen Herausforderung bei unseren Umzugsvorbereitungen werden würde. Trotz fortgeschrittener Stunde  riefen uns an diesem Abend rund ein Dutzend Interessenten an, gar doppelt so viele meldeten sich per E-Mail. Darunter waren ebenso augenscheinlich semiprofessionelle Wiederverkäufer wie Hochwassergeschädigte und verzweifelte Menschen, die mich am Telefon regelrecht anflehten, doch ihnen die Küche zu überlassen, weil ihnen das Schicksal besonders übel mitgespielt habe.

Nach ausführlicher Diskussion haben wir dann am Donnerstagabend im Familienrat einstimmig beschlossen, die Küche einer jungen Frau zu überlassen, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten und ihren drei Kindern eine Wohnung in einem Dorf in der Umgebung bezogen hat. Diese fünf Menschen gehören augenscheinlich bislang nicht zu den Bewohnern der Sonnenseite des Lebens. „Ich kann’s gar nicht glauben, dass Sie uns die Küche und die anderen schönen Dinge wirklich schenken wollen“, sagte mir die junge Frau vor Glück schluchzend am Telefon, als ich ihr gestern Abend mitteilte, dass wir uns für sie entschieden haben.

Zu den anderen Dingen gehören unter anderem ein großer Spiegelschrank, ein Schlafsofa, eine Gefriertruhe, mehrere Regale, Unterschränke und ein altes  Röhrenfernsehgerät, das noch voll funktionsfähig ist. Julia stellt gerade ihre Stofftiere, Plüschbären und andere Spielsachen zusammen, über die sich die drei Kinder bestimmt freuen werden. Nur die „Tiernahrung“ geben wir nicht her. Schließlich ziehen Cleo, Hannibal, Susi und Max mit uns nach Hamburg. Unsere vier Wellensittiche bevorzugen eine Vogelfuttermischung, die es nur in einer Tierhandlung in Rosenheim gibt.