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Mit Supertramp nach Hamburg

Im fünften Teil unseres Umzugstagebuchs berichten wir über in Vinyl gepresste Erinnerungen und warum wir uns von 1.000 Schallplatten und CDs getrennt haben.

(Horst) „Was ist das denn? Kann das in den Müll?“ Fragend hält Julia einen Stapel Single-Platten in der Hand auf die sie bei der gemeinsamen Entrümpelung unseres Dachgeschosses gestoßen ist. Sie hielt die „Dinger“ zunächst für eine Art „Übergangsmedium von der LP zur CD“.

Tatsächlich hat unsere 15jährige Tochter noch nie so eine dieser kleinen Schallplatten gesehen, für die ich in meiner Jugend auf Kino, Eis, Pommes und sogar auf den obligatorischen Kakao in der Schulpause verzichtete. Eine Single kostete Mitte der 1960er Jahre 4,75 D-Mark, das war damals unglaublich viel Geld. Deswegen wurden die teuer erworbenen Kostbarkeiten mit Titeln von Drafi Deutscher („Grün, grün ist Tennessee“), Roy Orbison („Oh, Pretty Woman“) oder den Beach Boys („Help me Rhonda“) nach allen Regeln der mir damals bekannten Kunst der Schallplattenpflege  äußerst sorgsam behandelt.

Und jetzt sollen die Platten in den Müll? Nur, weil wir in Hamburg in den vierten Stock eines Altbaus ziehen, der dummerweise keinen Aufzug hat. Das geht gar nicht. Also habe ich unseren Umzugsplan völlig durcheinander geworfen und mir fast zwei Tage Zeit genommen, um etwa 1.500 Singles, Langspielplatten und CDs zu sichten und auszusortieren. Ergebnis: Rund ein Drittel der Tonträger darf mit nach Hamburg. Den Rest haben wir gestern Abend den Eltern eines früheren Schulkameraden von Julia überlassen, die einen Schallplattenladen in Rosenheim betreiben.

Schallplatten sind schon etwas Besonderes. Bei fast jedem Album, das ich in den letzten beiden Tagen in der Hand hielt, wurden Erinnerungen wach. Meine erste LP stammte von den Kinks. Für das Album „Face to Face“ habe ich im Herbst 1966 zentnerweise Kastanien gesammelt und diese an den Besitzer eines Jagdgeländes verkauft, um so die notwendigen 18,90 Mark aufbringen zu können. Acht Jahre später verbrachte ich im Sommer 1974 meinen ersten richtigen Urlaub im legendären Jugendclub „Punta Arabi“ auf Ibiza. In den 14 Ferientagen war ich – sehr zum Leidwesen meiner damaligen Freundin – Stammgast bei „Tootsie’s“, eine englische Musikkneipe, die seinerzeit in der Nachbarschaft des Clubs nahezu rund um die Uhr geöffnet hatte. Für meine regelmäßigen Besuche dort gab’s zwei Gründe: Der „Cubra Libre“ kostete umgerechnet weniger als eine Mark und es liefen fast pausenlos Titel von Eric Clapton, wie „I shot the Sheriff“ oder „Motherless Children“. Noch am Tag der Rückkehr nach Hannover, wo ich damals bei der TUI arbeitete, habe ich mir das Kult-Album „461 Ocean Boulevard“ besorgt.

In den 1970er Jahren war Hannover ohnehin eine Art „Paradies“ für Plattenkäufer. Musikfans aus ganz Deutschland reisten extra in die damals ansonsten eher langweilige niedersächsische Landeshauptstadt, weil hier aktuelle Alben in der Regel eher zu haben waren und außerdem viel günstiger angeboten wurden, als im Rest der Republik. Für die erste Langspielplatte der Dire Straits habe ich 1978 in Hannover geradezu lächerliche 7,90 D-Mark bezahlt, woanders kostete das Debut-Album von Mark Knopfler & Co. mindestens das Doppelte.

Nur 1976, als das Album „Frampton Comes Alive“ von dem früheren Herd-Sänger Peter Frampton in Großbritannien und den USA erschien, mussten Hannovers Plattenverkäufer passen, weil die Doppel-LP zunächst nicht in Deutschland veröffentlicht worden war. Ich hatte dennoch Glück – meine damalige Chefin bei der TUI brachte mir das gute Stück von einer Dienstreise aus London mit. Das kostete mich ein Abendessen und einige Ausreden, um „Show me the Way“, „Baby, I love your Way“ und die anderen Songs noch am selben Abend anhören zu können – allein, in meinem möblierten Zimmer in Langenhagen.

Klar, auch Inge hat so einige Platten und CDs mit in unseren Hausstand eingebracht. Zum Beispiel das legendäre Album „Breakfast in America“, das Supertramp im Jahr 1979 veröffentlichte. Vermutlich bin ich der einzige Lebende auf dieser Welt, dem der jammernde Gesang und die einfältige Musik der britischen Gruppe schon immer auf die Nerven gingen. Deshalb hatte ich die LP schon aussortiert. Doch die Rechnung hatte ich – mal wieder – ohne Inge gemacht. Kurz bevor die Platten vom Händler abgeholt wurden, schnappte sie sich beherzt das Supertramp-Album und bestand auf Mitnahme nach Hamburg. Ob mit der Scheibe konkrete in Vinyl gepresste Erinnerungen verbunden sind, hat mir Inge nicht verraten. Immerhin – bei ebay soll das Teil noch für 10 Euro loszuschlagen sein. Das könnten wir auch noch in Hamburg erledigen.